1. März 2010 | 10:58 Uhr
Die übliche morgendliche Wanderprozedur: Halb sieben aufstehen, letzte Sachen packen, 7:40 Uhr kommt der Bus. Auch heute war sie wieder genau so an der Reihe und auch heute freuten wir uns wieder auf die kommenden Tage. Der Routeburn Track, der ebenso wie der Abel Tasman Track zu den Great Walks von Neuseeland gehört und in seiner Berühmtheit nur vom nahe gelegenen Milford Track (viele sagen aber, der Routeburn ist dennoch der schönere Walk) übertroffen wird, sollte ein Highlight unserer gesamten Reise sein.
Das Wetter am morgen in Queenstown war entgegen der Vorhersage noch sehr schön, jedoch sahen wir nach den ersten Kilometern bereits die aufziehende Wolkenfront…und zwar genau über dem Routeburn Gebiet. Wir verschwendeten vorerst jedoch noch keine Gedanken an das Wetter, sondern genossen die tolle Busfahrt entlang des Lake Wakatipu mitsamt Blick auf die Schneebedeckten Bergspitzen der vor uns aufragenden Humboldt Mountains. Wir passierten den winzigen Ort Glenorchy, das letzte kleine bisschen Zivilisation für die kommenden drei Tage, und fuhren langsam ins Routeburn Tal hinein (für alle Herr der Ringe Fans: hier wurde Isengard gedreht) und erreichten schließlich die Routeburn Shelter (458 m), den Startpunkt unseres Abenteuers.
Tag 1: Routeburn Shelter – Routeburn Falls, 8,8 km
Fabian:
Auch auf dem Routeburn war der erste Tag wieder der leichteste von allen. Bei trockenem Wetter wanderten wir daher munter drauf los, passierten zu Beginn gleich eine der vielen, schwankenden Hängebrücken und tauchten kurze Zeit später in den Rotbuchenwald ein. Die Bäume und der Boden waren üppig von Farnen und vor allem viel Moos bewachsen. Der gut ausgebaute Weg führte hier und da mal leicht bergauf, mal leicht bergab und führte uns mehrere Mal über den herrlich klaren Routeburn River. Nach einer guten halben Stunde wurde der Weg zusehends steiniger, schmaler, steiler und somit auch schwerer…

Melanie:
…und ich musste schnell feststellen, dass ich heute statt meiner bisher sich so tapfer bewährten Wanderwaden leider wehleidige Weicheierwaden im Gepäck hatte. Bereits nach den ersten Steigungen fühlten sich meine Waden an, als wäre ich mit ihnen bereits seit Stunden bergauf geklettert. Aber da unsere Wanderung gerade erst begonnen hatte, hieß es weiter wandern und Zähne zusammen beißen. Der schon fast surreale Wald war jedoch eine tolle Ablenkung und so konnte ich die nervenden Waden nahezu komplett ignorieren.

Nachdem wir noch die ein oder andere abenteuerliche Hängebrücke überquert hatten erreichten wir die Routeburn Flats Hut, die erste der Übernachtungsmöglichkeiten auf 700 Höhenmetern. Hier legten wir allerdings nur eine kurze Zwischenpause ein, um kurz durchzuschnaufen und uns mit einem kleinen Frühstück für den Aufstieg zur Routeburn Falls Hut, unserem heutigen Tagesziel, zu stärken.
Fabian:
Bereits kurz bevor wir die Hütte erreichten, hatte es leicht angefangen zu regnen. Als wir den Anstieg zur Falls Hut in Angriff nahmen, hatte sich daran leider nichts geändert. Im Gegenteil, der Regen wurde immer stärker. Dementsprechend in unsere Regenjacken eingepackt erklommen wir Schritt für Schritt den Berg. Da der Weg nun fast ausschließlich aus Steinen und losem Geröll bestand, war dies jedoch sehr, sehr mühsam und die Nässe machte das Ganze dann noch etwas schwieriger.

Wir erreichten den Emily Creek, ein ins Tal stürzender Fluss, der die Hälfte des Weges markierte…nein, doch nicht, es war leider nur ein anderer Fluss. Also weiter vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen. Als wir ein großes Erdrutschfeld erreichten, war der Regen mittlerweile ein richtiger Wolkenbruch geworden und nur der Buchenwald schirmte uns ein wenig von den Wassermassen von oben ab. So konnten wir auch den Blick ins Routeburn Tal nur bedingt genießen bzw. sahen wir wetterbedingt ohnehin nur wenig. Natürlich hatten wir uns auf dieses Wetter eingestellt, denn die Region Fiordland ist die regenreichste Region der Erde, aber musste es gleich am ersten Tag so schütten?
Zum Glück nur leicht durchnässt erreichten wir schließlich die Routeburn Falls Hut auf 1.000 Metern. Wir waren über unsere Zeit erstaunt, denn wir waren mit unseren drei Stunden deutlich im unteren Bereich der vom DOC angegebenen Zeitspanne geblieben.
Melanie:
Die Routeburn Falls hat eigentlich einen einmaligen Blick auf das ausgedehnte Flusstal, der uns allerdings verwehrt wurde. Stattdessen blickten wir auf eine undurchdringliche Wolken- und Nebelwand, was uns ziemlich ärgerte.
Das Wetter verfluchend erkundeten wir die Hütte und stellten erfreut fest, dass sie im Gegensatz zu denen vom Abel Tasman Coast Track über Einzelbetten und solar betriebene Beleuchtung verfügte. Nur auf eine warme Dusche mussten wir auch hier verzichten bzw. gab es hier überhaupt gar keine Dusche. Zum eigenen Wohlbefinden, aber auch um die Nasen unserer Hütten-Mitbewohner zu schonen, schnappten wir uns Seife und Waschlappen, mit denen wir uns zumindest ein Mindestmaß an Körperhygiene durchführen konnten, um anschließend in warme und trockene Klamotten zu schlüpfen.
Es regnete, nein, es schüttete ununterbrochen weiter und so verbrachten wir den Abend mit einem Buch und bei Gesprächen mit anderen Wanderern im Gemeinschaftsraum der Hütte und hofften, dass dem Regen bis zum nächsten Tag das Wasser ausgehen würde.
Tag 2: Routeburn Falls – Lake Mackenzie, 11,3 km
Melanie:
Als wir am morgen erwachten, hatte der Regen zumindest auf “Wassersparmodus” umgestellt und es nieselte nur noch ein wenig. Zu unserer großen Freude hatte sich der Nebel fast vollständig verzogen und wir kamen doch noch in den Genuss des tollen Ausblicks ins Flusstal.
Ein Großteil der Hüttenbewohner war bereits aufgebrochen, so dass wir in aller Ruhe frühstücken und uns für die heutige Wanderung rüsten konnten. Das bedeutete in diesem Fall Regenjacke überziehen und die Rücksäcke in ihren Regenschutz zu hüllen.
Heute hatten wir keine Gelegenheit, uns gemütlich einzuwandern. Stattdessen ging es von Anfang an stetig bergauf. Mit Begeisterung stellte ich fest, dass meine Wanderwaden zurück waren und so kletterte ich munter drauf los.
Bereits nach einer kurzen felsigen Passage erreichten wir die Routeburn Falls, einen beeindruckenden Wasserfall, in dem sich der Routeburn River in eine Schlucht hinabstürzt. Anschließend durchquerten wir ein Hochtal, in dem niedrige Sträucher, Bergblumen und Kräuter das Landschaftsbild bestimmten.

Den weiteren Weg kann man nicht wirklich als Weg bezeichnen, da wir einen Bachlauf hinaufkraxelten. Hier hieß es vorsichtig sein, da die losen Steine des Bachlaufs ziemlich glatt und rutschig waren. An einer besonders steilen Stelle war ich dann nicht vorsichtig bzw. trittsicher genug und rutschte aus. Fabian versuchte noch, mich abzufangen, aber ehe ich mich versah landete ich mit dem Hinterteil im Bachlauf, der zum Glück nicht besonders viel Wasser führte. Ansonsten blieb beim Ausrutscher ohne Folgen und wir konnten weiterwandern, vorbei an mächtigen, mit Farnen bewachsenen Felstürmen. Der Weg wurde immer steiler und wand sich über loses Geröll den Hang hinauf. Mittlerweile konnte ich deutlich den Trainingseffekt der letzten Wanderungen feststellen, da der Aufstieg zwar kein Spaziergang war, er aber dennoch gut zu bewältigen war. Als wir die höchste Stelle erreicht hatten, wurden wir mit einem grandiosen Ausblick auf den in einer herrlichen Hochebene liegenden Lake Harris und den Blick zurück ins Tal belohnt.

Fabian:
Und das war leider vorerst der letzte schöne Ausblick für die nächsten Stunden. Denn als wir den Harris Saddle (1.277 m) passiert hatten, wurde das Wetter wieder schlechter und wir befanden uns kurze Zeit später inmitten einer dicken Wolkenschicht. Die extrem feuchtnasse Luft der Wolken wurde noch durch Regenschauer ergänzt und bescherte uns eine Sicht von knapp 20 Metern. So blieb uns leider die tolle Aussicht auf die umliegenden Bergketten verwehrt, die sich normalerweise an dieser Stelle bietet, denn mittlerweile folgten wir einem schmalen Höhenweg auf der steilen Westflanke des Ocean Peak parallel zum Hollyford Valley. Die folgenden eineinhalb Stunden wanderten wir langsam bergab, besser gesagt kletterten wir bergab. Denn der fast ausschließlich aus Steinen und Geröll bestehende Weg war durch die Nässe noch glitschiger als der Weg beim Aufstieg und machte das Vorankommen sehr mühsam. Zudem litten Fuß- und Kniegelenke erheblich. Die Ruhe, das langsame Vorankommen und die geringe Sicht vermittelten uns jedoch auch einen tollen Eindruck von Abgeschiedenheit und Einsamkeit.

Nach einem kurzen Anstieg über riesige Felsen machte der Weg einen Linksknick und führte uns in das Mackenzie-Becken. Genau in diesem Moment riss die Wolkendecke kurz auf und öffnete den Blick auf den wunderschön schimmernden Lake Mackenzie, an dessen Ufer wir auch bereits die Mackenzie Hut ausmachen konnten. Die folgenden Steilkehren hinunter ins Tal waren zum Glück nicht ganz so felsig, so dass wir ziemlich schnell die Baumgrenze erreichten und direkt in den märchenhaften Buchenwald eintauchten. Haben wir bisher schon einige Moos bewachsene Wälder gesehen, so war dieser aber bei weitem der schönste. Noch ursprünglicher, noch mehr Moos und Farne. Unsere Augen erblickten nur noch die Farbe Grün, die hier so viele unterschiedliche Schattierungen hatte, dass selbst der Pantone-Farbfächer nicht ausgereicht hätte. Während wir durch diesen verzauberten Wald der Hütte entgegengingen, warteten wir ständig darauf, dass Schneewittchen oder die sieben Zwerge hinter einem der Bäume hervorspringen.

Nachdem wir unsere Einzelbetten bezogen hatten, setzten wir uns mit unseren Büchern in den Gemeinschaftsraum und machten uns etwas Warmes zu trinken. Da die Sonne sich schon wieder verzogen hatte, war es mittlerweile recht kühl geworden, so dass ich mich auf die Suche nach Feuerholz machte. Dies war auch schnell gefunden, nur leider fehlte es an geeigneten Anzündern. Einige Meter zusammengeknülltes Toilettenpapier waren aber ein guter Ersatz und so brannte im Ofen bald ein wärmendes Feuer. Angelockt von der wohligen Wärme, füllten sich die Bänke um uns herum schnell mit anderen Wanderern und wir kamen mit einem Arzt aus Boston und seiner Tochter ins Gespräch. Wir unterhielten uns bis zum Abendessen mit den beiden Amerikanern, machten uns dann unsere Tütenmahlzeit (heißes Wasser drauf, 10 Minuten warten, fertig) und teilten anschließend noch unseren Käse mit den Zweien. Bei schummriger Beleuchtung steckten wir noch bis kurz vor zehn unsere Nasen in die Bücher und gingen dann ins Bett.
Tag 3: Lake Mackenzie – The Divide, 12 km
Melanie:
Als wir zur letzten Etappe unserer dreitägigen Wanderung aufbrachen, empfing uns eine Eiseskälte. Mit Fleecemützen und unseren dicken Fleecejacken ausgerüstet (kurz hatten wir überlegt auch Handschuhe anzuziehen) stapften wir durch das Tal, dessen Gräser und Büsche in glitzernden Raureif eingehüllt waren. Der Himmel erstrahlte in schönstem Blau und die Sonne begann bereits die Luft ein wenig zu erwärmen.

Der Weg führte uns an unzähligen rauschenden Bächen und kleinen Holzbrücken vorbei und stieg durch einen Buchenwald stetig an, bis wir eine Hochebene mit kleinen Tümpeln (The Orchard) erreichten. Nachdem wir weitere Bäche und auch Wasserfälle passiert hatten, gelangten wir zu dem wohl imposantesten Wasserfall des Tracks, den 174 m hohen Earland Falls, wo sich die Wassermassen zunächst donnernd in den Sunny Creek und anschließend in den Hollyford River hinabstürzen.

Der weitere Weg führte über einen feuchten, stellenweise extrem matschigen von zahlreichen Farnen eingesäumten Weg zum Lake Howden, an dem die gleichnamige Hütte steht (708 m). Den wunderschön gelegenen See nutzen wir für eine Erholungs- und Essenspause, bevor wir den Rest der Etappe in Angriff nahmen.

Fabian:
Das Restprogramm startete zunächst mit einem steilen Anstieg, den wir nach einer Viertelstunde hinter uns gebracht hatten. Jetzt ging es nur noch bergab bis zum Endpunkt des Routeburn Tracks, dem niedrigsten Pass der Südalpen: The Divide (532 m). Etwas mehr als eine halbe Stunde benötigten wir für die letzten Kilometer, so dass wir um kurz nach zwei den Parkplatz erreichten. Konditionell hatte uns der Track nicht so stark gefordert wie wir es eigentlich erwartet hatten. Vielleicht waren die beiden anderen Wanderungen aber auch ein gutes Training. Lediglich die Füße und bei mir besonders die Knie schmerzten doch ganz ordentlich, nach den zahlreichen steinigen Kilometern bergab. Wir waren uns aber einig, dass dies die schönste Wanderung in Neuseeland war, die wir gemacht hatten.
Wir genossen noch eine gute Stunde in der Sonne, bevor unser Bus kam und uns zurück nach Queenstown brachte. Das hört sich leichter an als es ist, denn die Straße macht einen riesigen Bogen um die Berge, so dass die Fahrt mit Pausen vier Stunden dauerte.
Zurück in Queenstown nahmen wir als erstes natürlich eine ausgiebige Dusche. Als wir unsere E-Mails checkten, mussten wir leider erfahren, dass unser Tauchtrip im Milford Sound abgesagt wurde, da sich außer uns keine anderen Taucher angemeldet hatten (sie benötigen vier). Wir beschlossen stattdessen als Alternative eine reine Bootstour auf dem Sound zu machen. Den Abend ließen wir schließlich bei einem Italiener in der Innenstadt ausklingen.